Urs Meier, florist.ch


«Der Bundesrat hat besonnen reagiert»


Herr Meier, wie haben die Floristen auf den Lockdown reagiert?
Zwiespältig. Man verstand, dass man dieser schlimmen Situation etwas entgegensetzen muss. Aber man empfand es als existenzbedrohend, das Geschäft schliessen zu müssen. Die fixen Kosten wie z.B. Miete, Löhne usw. laufen ja weiter - und leben muss man auch noch. Zudem sind viele Blumengeschäfte nicht eben auf Rosen gebettet.

Mittlerweile sind viele am Kämpfen und setzen neue Ideen um. Aber natürlich ist das schwierig, weil grosse Aufträge wie Hochzeiten und Events weggebrochen sind und das Ladengeschäft geschlossen ist.


Was haben Sie als florist.ch-Geschäftsleiter unternommen?
Ich habe die Verordnungen und Verlautbarungen des Bundes und in den Medien genau studiert. Rasch stellte ich fest, dass nach meiner Interpretation zumindest Lieferungen und das Einkaufen an Blumenbörsen unter gewissen Umständen noch möglich waren. Aber natürlich brauchten wir Rechtssicherheit. Deshalb haben wir die zuständigen Instanzen kontaktiert und uns Punkt für Punkt alles schriftlich bestätigen lassen.

Was haben Sie mit den gewonnenen Erkenntnissen gemacht?
Die haben wir natürlich unverzüglich weitergegeben, nicht nur an unsere Mitglieder, sondern an die gesamte Grüne Branche, inkl. Börsen und Fleurop.

Da haben Floristen also bessere Karten als z.B. Coiffeure?
Ja, wir und all jene, die ihr Geschäft online und/oder auf Bestellung abwickeln können, haben tatsächlich bessere Chancen. Aber es ist auch ein Glück, dass es diese Möglichkeit gibt. Denn für all die Menschen, die jetzt zu Hause sitzen, sind Blumen als Farbtupfer wichtig.

Nun sind ja aber Lebensmittelgeschäfte und Apotheken geöffnet. Reicht das nicht?
Die Verunsicherung und Angst in der Bevölkerung sind verständlicherweise gross. Zudem wird sie ständig weiter genährt, mit Nachrichten und Bildern, die schwer zu verarbeiten sind. Da wünscht man sich doch auch etwas Normalität zurück: Ein positives Zeichen, ein Lichtstrahl, etwas Zusammenhalt. Da haben Blumen einen besonderen Stellenwert. Umso mehr, als man sich ja nicht mehr einfach besuchen kann.

Nützen Floristen diese Gelegenheit?
Es sind keine üblichen Umsätze. Aber die fixen Kosten sind ja da. Und da hilft selbst das Wenige mit, die Umsatzeinbussen etwas zu verringern. Zudem kann auch der eine oder andere Mitarbeitende wenigstens in Teilzeit arbeiten. Nicht zuletzt hilft es auch Blumenproduzenten, die so wenigstens einen kleinen Teil ihrer erntereifen Blumen verkaufen können und nicht alles kompostieren müssen.

Finden Sie richtig, was der Bundesrat beschlossen hat?
Ja. Ich bin der Meinung, dass er besonnen und angemessen reagierte und auch versucht hat, Kollateralschäden nach Möglichkeit gering zu halten. Der Druck, der auf ihm lastete, ist riesig.

Was sind für Sie die grössten Herausforderungen?
florist.ch wird dieses Jahr 100jährig. Das wollten wir im Juni mit einem besonders stimmungsvollen Jubiläumsfest im Tessin feiern. Jetzt mussten wir das Ganze auf 2021 verschieben, was uns traurig stimmt. Die Generalversammlung 2020 wird am 19. August im normalen Rahmen abgehalten. Das Einzige, was in diesem Jahr trotzdem an unser hundertjähriges Bestehen erinnert, ist eine spezielle Blumen-Briefmarke. Die kann man ab 7. Mai bei der Post bestellen oder kaufen. Und da ich selbst Philatelist bin, kann ich die schöne Marke nur empfehlen.

Was erhoffen Sie sich von der Zeit nach Corona?
Ich wünsche mir, dass die jetzt schon spürbare Solidarität bestehen bleibt und man vermehrt füreinander da ist. Wir werden jedenfalls weiterhin alles in unserer Macht Stehende tun, um den Fachhandel und die Grüne Branche durch die Weitergabe von fundierten Informationen über Kurzarbeit, Überbrückungskredite, Mieterlasse usw. zu unterstützen. Zudem sind wir überzeugt, dass diese Zeit, in der ohne Online-Portale fast nichts läuft, dazu beiträgt, die Digitalisierung auch jenen schmackhaft zu machen, die ihr bislang eher kritisch oder gar ablehnend gegenüberstanden. So gesehen sind wir überzeugt, dass nach Corona sowohl Hauslieferungen als auch die Abholmöglichkeiten weit mehr genutzt werden als noch im letzten Jahr.

Vielen Dank für das Interview, Herr Meier.

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