Matthias Haudenschild, agrotropic


«Corona ist für uns alle eine Zäsur»


Herr Haudenschild, wie hat Agrotropic den Lockdown erlebt?
Nun, da gab es natürlich verschiedene Dimensionen, wie z.B. Beschaffung und Absatz. Aber im Fokus standen – und stehen – für uns auch die Arbeitsplätze der eigenen Mitarbeitenden sowie die Existenzängste unserer vielen Blumenfarmen im Ausland. Wir leben hier anders als die Leute im Süden mit einer relativ grossen sozialen Sicherheit.
Dies ist im Süden anders, und Corona kann die Farmen und ihre Angestellten wesentlich härter treffen.

Wie haben Sie die ersten Tage erlebt?
Es hat uns insofern kalt erwischt, als nicht nur die Blumengeschäfte schlossen, sondern auch Supermärkte keine Blumen mehr nachbestellen durften. Das brachte uns grosse Umsatzeinbrüche und war insofern anspruchsvoll, als bereits bestellte Blumen ja nicht einfach abbestellt werden konnten. Die waren geerntet und unterwegs, was unter dem Strich bedeutete, dass wir plötzlich eine Riesenmenge Blumen in unseren Kühlern hatten.


Mussten Sie diese Blumen entsorgen?
Zum Glück nicht. Wir haben die umliegenden Gemeinden kontaktiert und die Blumen in Zusammenarbeit mit den Behörden verschenkt: In den Quartieren verteilt, an Altersheime usw. Das war auch für uns eine schöne Aktion, weil wir die Leute etwas aufmuntern konnten. Wir erhielten jedenfalls unzählige Dankesmails und sonstige Feedbacks. Sogar bunte Steinchen auf unserem Briefkasten mit kleinen Dankesbotschaften haben wir gefunden. Diese Dankbarkeit ging uns allen ans Herz und zeigte, dass wir das Richtige getan haben.


Woher können Sie aktuell noch Blumen beziehen?
Im Moment ist noch nicht die Verfügbarkeit auf den Farmen das Problem, sondern die Frachtsituation. Viele Fluglinien sind gegroundet, weil sie keine Passagiere mehr haben und auch auf der Frachtseite viel Volumen weggebrochen ist. Und was den Transport von Fracht anbelangt, haben natürlich essenzielle Waren erste Priorität, das ist verständlich. Mit anderen Worten: Da sich die Situation praktisch täglich ändert, leben wir sozusagen von der Hand in den Mund und versuchen, flexibel und dynamisch zu reagieren und Probleme zu lösen.

Wissen Sie, wie es den Blumenfarmen und deren Mitarbeitenden geht?
Da wir diese Partnerschaften über Jahre und sogar Jahrzehnte aufgebaut haben und auch persönlich viel vor Ort sind, kennt man sich. Das geht einem dann doppelt nah. Viele Farmen mussten ihren Betrieb schliessen und die Leute entlassen, andere versuchen zu retten, was noch zu retten ist und verkaufen uns weiterhin Blumen, wenn auch in viel tieferen Mengen. Gleichwohl. Es ist eine Zäsur. Denn in diesen Ländern fehlt es an vielem, das für uns selbstverständlich ist. So z.B. an frischem Wasser, an Medikamenten und Spitälern. Für die Farmen gibt es dort keine Überbrückungskredite, für die Menschen kein Arbeitslosengeld. Sie haben meist keine Rücklagen oder Vorräte. Da geht es oft ums nackte Überleben. Auch das beschäftigt uns sehr.

Musste die agrotropic Mitarbeitende entlassen?
Nein, das steht nicht zur Diskussion. Natürlich mussten wir den Betrieb herunterfahren, deshalb haben wir auch Kurzarbeit angemeldet, die inzwischen schon bewilligt ist. Einige, die noch arbeiten, tun das mittlerweile im Home-Office - oder dann so, dass sie die empfohlenen Distanzen einhalten können. Wir haben sehr früh reagiert und z.B. Schutz-Kits und Handdesinfektionsmittel an alle verteilt, auch für zu Hause, für die Familie. Jetzt müssen wir alle zusammenhalten.

Was ist in der heutigen Welt wichtig?
Flexibilität, Weitsicht, Kreativität, Mut und Empathie.

Wie sieht Ihr Licht am Ende des Tunnels aus?
Dass diese Krise bald endet und Blumenkäufe generell wieder erlaubt werden. Es sind einfach sehr viele Unternehmen involviert. Nicht nur Blumengeschäfte, sondern auch Grossverteiler, Blumenbörsen und Schnittblumenproduzenten im In- und Ausland, Frachtagenten, Flug- und Strassenlogistiker. Ganz abgesehen von den hunderttausenden Mitarbeitenden, die von den Blumen leben. Natürlich hat der Schutz der Bevölkerung erste Priorität. Aber dann müssen wir – und natürlich auch andere Branchen – den Weg finden, alles wieder zum Laufen zu bringen.

Danke für das spannende Interview, Herr Haudenschild.

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